Subjektiver Erfahrungsbericht zum friday for future

Es war eine Veranstaltung, die jetzt in Langenfeld effektvoll aktiv wurde. Jedenfalls glich die Schullandschaft an dem Freitag-morgen selbst einer Demonstration oder einer Ausstellung. Überall sah man vorbereitete Plakate, die untereinander verglichen und von Lehrern beurteilt wurden. Man war in einer Art Eventmodus, der ein wenig dem Ziel des Zivilungehorsams wiederspricht, auf dem die Veranstaltung basiert. So oder so, zum Beginn der Demonstration waren knapp 1000 Menschen versammelt. Besonders stark vertreten war das Kag, was nicht zufällig auf die räumliche Nähe zum Rathaus zurückzuführen ist. Es fiel nur auf, dass sie sehr oft in geordneten Gruppen mit Lehrern standen. Letztere sind auf die Schnapsidee gekommen, eine Exkursion dorthin zu unternehmen und waren damit offensichtlich in der Mehrheit, wobei anzunehmen ist, das sie vor allen anderen Greta Thunbergs Kampagne kannten und so den Hintergrund für die Demonstration. Durch die Verwirrtheit der Anwesenden lassen sich die Plakate schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen, aber sie zeichneten sich eindeutig durch die problematische Nutzung des Akkusatives aus. Das zeigt eindeutig, dass die verschwendeten Unterrichtsstunden nicht verschwendet waren. Nun fängt der erste Redner zu sprechen an und es geht los. Dieser nimmt sich allerdings erstmal viel Zeit zu erzählen, worüber er alles nicht reden möchte: Dass die Existenz des Klimawandels anzunehmen ist, dass die Polkappen schmelzen, dass es ein sich selbst beschleunigender Prozess ist… Ein praeteritio* ist das nicht ganz, aber es ähnelt diesem antiken rhetorischen Mittel sehr. Es folgen weitere Redner: ein Repräsentant des Umweltschutzverbandes und des entsprechenden Ausschusses im Rathaus. Was sind also die revoluitionäeren Forderungen, die das große Problem lösen sollen? Die Deprivatisierung des Nahverkehrs. Wow, man hätte sich doch mehr Konstruktivität von so einer Veranstaltung erhoffen können. Bevor es losgeht, sollen wir knien für… wen eigentlich? Auf dem Podium kniet niemand, also hoffen wir für das Wohl aller, dass wir für und vor dem Umweltschutzverband knien. Einige erleiden einen plötzlichen Gleichgewichtsverlust, aber knien am Ende. Danach geht es richtig los, die Menge setzt sich in Bewegung. Beste Zeit die Schlagfertigkeit der Sprüche zu überprüfen: „What do we want?“, „Climate justice“. Also English ist zu verbreitet, als dass man sich daran stört, aber was genau ist „climate justice“? Im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit müssten wahrscheinlich alle sofort tot umfallen. Jedenfalls geht die gesamte Demo s-förmig durch die Stadt. Einer der Sprüche ähnelt sogar einem Gedicht: „Kohlekonzerne graben in der  Ferne, zerstören unsere Umwelt, bloß für n´Batzen Geld“. Na ja, die wissen aber genau was sie tun. Einige Male mehr sollen alle knien oder springen und gleichzeitig den Kohlestopp fordern. Dies findet nicht zufällig inmitten der Demonstration statt, um zweifellos die Bewegungsmonotonie zu durchbrechen und Gruppenmechanik zu initieren. Wer jetzt jedoch vermutet, dass die Forderungen größtenteils von nachplappernden Unterstufenschülern gestellt werden, liegt falsch. Das Beteiligungsmaximum liegt bei der Mittelstufe und einigen Begeisterten, die mehr oder minder geordnet etwas, wie das obere laut ausrufen. Jüngere Schüler sind in einigen Fällen doch mehr mit einem Handy als mit den Demonstrationsinhalten beschäftigt. Sie werden doch sicher wissen, dass für die Herstellung eines Handys Seltenerdmetalle unnachhaltig und zum Schaden der Umwelt gefördert werden. Jedenfalls ist zweifelhaft, ob irgendjemand bereit wäre seinen Konsum für einen Kohlestopp einzuschränken: „When do we want it?“, „Now!“. Und wie die Demonstration so fortschreitet sieht man einige beobachtende, still resignierend am Straßenrand stehende Oberstufenschüler. Genießen diese freie Zeit? Sehr zweifelhaft. Durch Exkursionen und geringe Anwesenheit, sind einige Kurse entfallen. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut!“. Das zu tun würde „uns“ ja nicht im Traum einfallen. Geleitet und geordnet wird die Demonstration durch Beaufsichtende, die durch eine Binde erkennbar sind und bezüglich aller Probleme gefragt werden sollen. Im Zweifel, fragt die Leute mit der Binde. Kommt bekannt vor. Mit Fortschreiten der Demonstration nimmt vor allem die Zahl der Beteiligten stark ab. Nur halb so viele kommen an, wie losgegangen sind. Gutes Ergebnis, es läuft ja, wie in der echten Umweltpolitik. Zum Ende des Umzuges wird noch mal gesprochen. Es wird vom ersten Redner Dankbarkeit für inkaufgenommene Fehlstunden geäußert, wobei es ironisch klingt, da so mancher unentschuldigt fehlen würde, wenn er jetzt nicht anwesend wäre. Dann wird entgegen früherer Absichten, doch detailreich erklärt, was es mit dem Klimawandel auf sich hat. Fragen wir einen jüngeren Schüler: „Kannst du mir sagen, worauf die jetzt eigentlich hinauswollen?“. Antwort ist ein Unsicherheit symbolisierendes Kopfschütteln. „Für wie sinnvoll erachtetest du das ganze hier?“. Noch ein Kopfschütteln, aber mit viel fröhlicherem Erscheinen und Unterton. Abschließend wird auf der Bühne noch musuziert und Gedichte werden verlesen, während sich die Menge langsam auflöst. Zum Schluss will ich einen verbalen Angriff eines Demonstranten hervorheben, der mich persönlich berührte: „Meine Güte, hier ist ja niemand aus dem Physik-Lk, das ist ja schockierend, und das sollen unsere zukünftigen Forscher und Ingenieure sein?“. Ja genau, sie bilden sich und werden an konstruktiven Lösungen arbeiten anstatt sich an dieser Ordnungsstörung zu beteiligen.

*Man spricht abwertend über ein vergangenes Motiv, während man sagt, dass es darum gar nicht geht und davon nicht die Rede ist. So entzieht man sich der Beweislast und entwertet die gegnerische Position, verwendet von z.B. Cicero.